Die Geschichte der Farbe dagegen
Schwarz war lange ein Symbol der Kompromisslosigkeit – bevor es zum modischen Lückenbüßer wurde.
Ich habe einen Nerv getroffen; oder „mitten ins Schwarze“, wenn man dem Wortwitz nicht widerstehen will. Denn auf meine Wutrede gegen die dunkelste der Unfarben erreichten mich eine Menge Reaktionen: vom Gefühl des Ertappt-Seins über farbliche Selbstverteidigung bis hin zu schattiertem Gegenwind. Wie bunt Schwarz doch sein kann!
Natürlich ändert das nichts an meiner passionierten Abneigung. Aber es hat dazu geführt, dass ich mir Schwarz in der Modegeschichte noch mal genauer angeschaut habe – also abgesehen von Cleopatras Eyeliner oder der Frage, ob das Quadrat von Malewitsch nun Anfang oder Ende der Kunst war. Auch die ewige Symbolik von Tod und Trauer mal ausgeklammert. Mir geht es um das Diesseits aus Stoff, um Schwarz als textile Ansage.
Und es zeigte sich: Bevor es zum uninspirierten Lückenbüßer der Berliner Wintergarderobe wurde, war Schwarz vor allem eine Farbe dagegen. Es sollte nie schmeicheln, sondern sich über andere erheben – ständisch, politisch, intellektuell. In seiner Natur ist es radikal. Denn Schwarz markiert nicht nur das Ende des Lichtspektrums, sondern oft auch das Ende der Kompromisse.
Doch zunächst war dieser farbliche Absolutismus eine chemische Herkulesaufgabe. Erst im 14. Jahrhundert wurde es möglich, Stoffe in einem Schwarz zu färben, das wir auch heute als solches bezeichnen würden. Davor erreichte man mit schmutzigem Übereinander-Schichten von Restfarben etwas, das eher an den versifften Boden der U8 erinnerte als an Berghain-Schlange.
Hippe Färber in Norditalien hatten den Einsatz von Galläpfeln und Eisensalzen perfektioniert – und so ein Schwarz auf den Markt gebracht, das endlich Tiefe besaß. Und die Macht ging mit der Mode: Richter tauschten ihre scharlachroten, hermelinbesetzten Roben gegen das neue, kostspielige Dunkel. Es war ein Image-Wechsel vom blutigen Prunk des Henkers zur kühlen Vernunft in Amtstracht – inspiriert von den Geistlichen, die Schwarz schon trugen, bevor es richtig schwarz war.
Der Adel allerdings hing noch an seinem bunten Geschmeide. Und nachdem die Pest dafür gesorgt hatte, dass viele der überlebenden Bauern und Tagelöhner plötzlich auf Bergen von Erbe und neuen Lohnforderungen saßen, überkam die Herrschenden eine soziale Panik. Sollte sich jetzt etwa jeder Dienstbote ein leuchtendes Gewand aus Venedig leisten können? Sogenannte Luxusgesetze mussten her, um die Standesgrenzen zu retten: Dem Fußvolk wurde Scharlachrot, Purpur und Florentiner Pfauenblau einfach verboten.
Doch die Gesetzgeber hatten die Rechnung ohne die neue Geldelite gemacht. Die Bankiers und Kaufleute in Norditalien taten es den Richtern gleich – und trugen Schwarz. Damit hüllten sie sich in Stoffe, die so teuer gefärbt waren, dass sie jeden farbigen Adelsrock in den Schatten stellten. Schwarz war auf einmal das Statussymbol derer, die es nicht mehr nötig hatten, um Aufmerksamkeit zu schreien; der erste „Quiet Luxury“-Trend der Geschichte, wenn man so will.
Anstatt ihrem purpurfarbenen Pomp treu zu bleiben, wurden die Aristokraten modisch schwach – und zu stillosen Mitläufern ihrer eigenen Untertanen. Sie trugen nun auch Schwarz: erst die Herzöge von Mailand und Savoyen, anschließend die französische Krone unter dem Herzog von Orléans, bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts auch der englische Hof schwarz sah. Um 1420 erhob Philipp der Gute von Burgund, seinerzeit jemand, den man heute als Influencer bezeichnen würde, Schwarz schließlich zur ultimativen Trendfarbe der Mächtigen.
Die spanischen Habsburger machten daraus gleich ein unerbittliches Dogma: Am Hof war Schwarz zu tragen; ohne Ausnahmen, ohne bunte Accessoires. Diese Strenge sollte die unanfechtbare Autorität der Krone widerspiegeln – die Uniform einer Weltmacht, die sich in tiefschwarzen Samt hüllte, um zu zeigen, dass hier kein Platz mehr war für bunte Freiheiten.
Denn mitten in ihrem Weltreich herrschte das blanke Chaos: Luther hatte mit seinen Thesen die alte Ordnung erschüttert. Der prunkvolle Katholizismus war out, Heiligenbilder nur noch Kitsch. Es war das visuelle Ende der Renaissance und der Beginn einer Ästhetik der totalen Selbstbeherrschung. Plötzlich wollten alle asketisch wirken: die Habsburger aus Disziplin, die Protestanten aus Demut. Farbe war ein verdächtiger Luxus geworden.
Und wie das so ist mit Trends: Im Laufe des 16. Jahrhunderts sickerte Schwarz langsam in die mittlere Gesellschaftsschicht durch. Auch wenn das schönste Schwarz sich noch immer in Samt und Seide färben ließ, wurde es zum Traum des aufstrebenden Stadtvolks. Handwerksmeister und Krämer trugen schwarz gefärbte Wollanzüge; nicht so luxuriös glänzend, aber immerhin mit mexikanischem Blauholz gesättigt, das nun tonnenweise in die europäischen Häfen schwappte – die Plünderung der „Neuen Welt“ machte es möglich.
Für den stilistisch labilen Adel war das schon wieder ein modisches Desaster. Hatten sie doch Schwarz erst für sich behauptet. Und jetzt trugen alle das neue Dunkel? Also flohen sie für die nächsten zwei Jahrhunderte in die bunten, pfauenhaften Exzesse des Barock und Rokoko. In den Gassen der Städte blieb das Schwarz aber hängen. Es war zeitlos, es war seriös und es hielt den Schmutz der Straße besser aus als jedes Pastell. Wer Geld für Mode hatte, investierte es in Schwarz.
Und selbst die, die keins (mehr) hatten, gaben es dafür aus. Für den Dandy war Schwarz ein Akt der Priorisierung: Ein perfekt geschnittener Gehrock nährte ihn mehr als eine warme Mahlzeit. Während Beau Brummell sein Erbe bis zum letzten Penny für den richtigen Schwarzton opferte, um seine bürgerliche Herkunft zu verschleiern, nutzte Lord Byron das Dunkel als Bühne für seinen aristokratischen Weltschmerz. Beide endeten im Ruin, aber zumindest in Schwarz gekleidet.
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war auch das beste Kleid einer Frau fast immer ein schwarzes. Es wurde zur textilen Allzweckwaffe der kleinen Leute: würdevoll beim Kirchgang, unempfindlich beim Arbeiten und feierlich genug für den Altar. Ja, sogar Brautkleider waren damals schwarz – noch inspiriert vom Adels-Dogma vergangener Tage, aber auch aus praktischen Gründen. Sie konnten nach der Hochzeit als Sonntagskleid weitergetragen werden; oder bei der nächsten Beerdigung, wenn nicht der eigenen. Bis dass der Tod sie scheidet.
An dieser Stelle wurde Schwarz zum Schatten seiner selbst. Es markierte nicht mehr den Unterschied zwischen den Klassen. Die astronomischen Färbekosten sanken. Auf Schwarz ließ sich hinsparen – und damit die Bedeutung kaufen, edel zu sein. Schwarz nährte sich am Ende des 19. Jahrhunderts von seiner modischen Vergangenheit, von der Idee einer Exklusivität, die es in dem Moment, als es für alle erreichbar wurde, bereits verloren hatte. Man könnte meinen, der Mythos Schwarz wäre hier auserzählt.
Doch in den 20ern wurde Schwarz wieder exklusiv (und radikal) – an zwei Fronten gleichzeitig. In Italien wurde es zur Farbe des faschistischen Terrors, als Mussolinis „Schwarzhemden“ sie zur Kluft des Gehorsams machten. Es war eine textile Drohung, die das Individuum in der Masse auslöschen sollte. Die Nationalsozialisten perfektionierten diese Einschüchterung: Ab 1932 trug die SS die berüchtigten schwarzen Uniformen mit Totenkopf auf der Mütze – produziert von Hugo Boss (entworfen aber hatten sie Karl Diebitsch und Walter Heck, das wird oft verwechselt).
Eine Modeschöpferin in Paris hingegen machte 1926 genau das Gegenteil: Coco Chanel holte mit ihrem „Kleinen Schwarzen“ das Schwarz aus seiner Anonymität. War es mittlerweile zur unscheinbaren Dienstpersonal-Farbe geworden, erklärte sie es nun zum demonstrativen Chic der Freiheit. „Eine Frau braucht nur drei Dinge“, soll Chanel mal diktiert haben: „ein schwarzes Kleid, einen schwarzen Pullover und einen Mann, den sie liebt.“ (Oder war es Hubert de Givenchy? Yves Saint Laurent?)
Viele blieben nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings nicht mehr übrig; also Männer, schwarze Pullis schon. Mit ihnen zog das Schwarz aus den glamourösen Salons in die verrauchten Keller der Pariser Rive Gauche. Für die Existenzialisten wurde der schwarze Rollkragenpullover (dank Juliette Gréco) zur ästhetischen Verweigerung. In einer Welt, die sich mit dem bunten Dekor des Wiederaufbaus betäuben wollte, war Schwarz nun der Ausdruck von Aufrichtigkeit – und einer tiefen philosophischen Melancholie. Man trug es aber auch, weil es in den kargen Nachkriegsjahren kaum Alternativen gab. Und es war pflegeleicht.
Mit den Beatniks wurde aus dieser Askese eine Pose. Sie waren die amerikanischen Pop-Erben der Pariser Keller-Philosophen: Optisch imitierten sie das Schwarz der Existenzialisten, während sie inhaltlich dem Nonkonformismus der Beat Generation nacheiferten. Sie gaben dem Look einen Jazz-Rhythmus und machten ihn zum globalen Markenzeichen intellektueller Coolness. Es war das Veto gegen die pastellfarbene Heile-Welt-Ästhetik der 50er, die vom Wettrüsten finanziert wurde.
Und das Establishment verstand die Drohung. Mit der Endung „-nik“ (eine hämische Anspielung auf den sowjetischen Sputnik) degradierte man die Beatniks zum kommunistischen Schreckgespenst. Das Schwarz war nun offiziell verdächtig: Während die Beatniks im schwarzen Rollkragen Pazifismus proklamierten, ließ das FBI ihre Treffpunkte beobachten und die Justiz die Bücher ihrer Idole verbieten. Wie konnte Militarisierung auch etwas Schlechtes sein? Sie bezahlte doch den „Suburban Dream“ samt weißem Gartenzaun.
Doch die Geschichte von Schwarz endete nicht im Verhörraum, sondern rollte im Kino weiter. 1961 feierte Hollywood die farbliche Konterrevolution – mit einem ärmellosen, bodenlangen Etui-Kleid von Hubert de Givenchy, in dem Holly Golightly, mit Croissant und Kaffee in der Hand, morgens vor das Schaufenster von Tiffany trat. Es wurde, welch Ironie zur antimaterialistischen Haltung der Beatniks, das begehrteste Konsumobjekt der Welt: ein „Kleines Schwarzes“, das nicht mehr nach Umsturz schrie, sondern den Gipfel des High-Society-Chics beschrieb. Die Habsburger hätten es nicht anders gewollt.
Und wer im Text bis hier gekommen ist, weiß, dass Schwarz auch jetzt wieder benutzt werden muss, um dagegen zu halten. In den 70ern verlor es also seine guten Manieren. Schwarz wurde sauer und wütend – das erste Mal in der Geschichte. Es war Punk, das visuelle „Fuck You“ einer britischen Jugend, die für sich keine Zukunft sah. Sie hatte keinen Bock mehr auf das weichgespülte „Peace & Love“-Gefühl der Hippie-Jahre. Denn das brachte weder Jobs noch einen Aufstieg im engen Klassenkorsett Englands.
Das Schwarz des Punk war kein mühsam erlernter Chic, sondern im Altkleidercontainer gefundene Lederjacken, die man in Fetzen riss und mit Sicherheitsnadeln wieder zusammenflickte. Im viel zu teuren Szene-Laden von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren bediente man sich an glänzendem Vinyl und Bondage-Hosen mit Hilfe des Fünf-Finger-Rabatts. Man trug das Unanständige am helllichten Tag, damit der bürgerliche Geschmack die Provokation auch deutlich sah.
Die Goths kehrten der Gesellschaft dann komplett den Rücken: Schwarz war die Farbe derer, die sich im Schatten wohler fühlten als im neongrellen Optimismus der 80er. Dafür tauschten sie das zerrissene Leder gegen tonnenweise schwarzen Samt, Spitze und wallende Stoffe. (Auch hierauf wären die Habsburger stolz gewesen!) Es war ein Rückzug in eine künstliche, überstilisierte Schwermut, die kein politisches Bekenntnis mehr brauchte, sondern nur noch eine Playlist aus Post-Punk und Dark Wave.
In den 90ern kehrte Schwarz zurück ins Rampenlicht: auf die Laufstege, aber ohne den Sexappeal der Schulterpolster-Ära. Designer wie Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo machten Schwarz zum Kunstbau am Körper. (Der Architekt im schwarzen Rollkragenpullover war bereits eine beliebte Trope geworden.) Ihre Entwürfe waren asymmetrisch und dekonstruierten gängige Schnitte. Schwarz war jetzt zur Farbe derer erhoben, die zu klug für Farben waren. Es diktierte diesmal vielleicht nicht, aber es rümpfte die Nase über alle, die Schwarz schlichtweg nicht verstanden.
Und dann kam Berliner Techno. Er dröhnte aus den Industriehallen einer frisch wiedervereinigten Hauptstadt, die zwischen leerstehenden Immobilien und Arbeitslosigkeit ein neues Selbstverständnis atmete. In den staubigen Ruinen des Tresor und des E-Werks war Schwarz die einzige Farbe, die den Dreck der Maschinen verzieh. Es war schweißecht, anonym und demokratisch. Darin ließ sich zum „Four on the Floor“-Takt in der tanzenden Menge verschwinden. Dort wurde Schwarz zum Berliner Code, lange bevor Billigflieger die Club-Touristen brachten.
Und auf der Berliner Fashion Week lässt er sich bis heute ohne Weiteres entschlüsseln: Wer hier als „kreativ“ gelten will, trägt Schwarz. Selbst ausländische Modejournalisten sind irritiert, wenn sie eine Kollektion in bunt(er) sehen. Wie Bliss Foster, der in einem Interview nach der Modenschau der Marke Haderlump den Kreativdirektor ganz aufgeregt fragt, wie er denn das überwaschene Schwarz (immer noch Schwarz!) so schön untypisch für Berlin hinbekommen hätte. Mit Enzymwäsche? Langem Einweichen? Doch Johann Ehrhardt muss sich erst mal was von der Seele reden: „Also mit Farben zu arbeiten ist wirklich schwierig für mich, weil ich kein gutes Auge für Farben habe.“
Er gesteht aber gleichzeitig: „Manchmal langweilt mich Schwarz auch ein bisschen, weil es ja jeder benutzt.“ Dabei geben sich einige Designer größte Mühe, mit dem Berliner Klischee zu brechen: wie Andrej Gronau und Danny Reinke etwa. Doch gegen die dunkle Standardeinstellung in dieser Stadt kommen sie nur schwer an. Schwarz ist definitiv nicht tot, es ist nur furchtbar trivial geworden. (Wer heute ein schwarzes T-Shirt trägt, strahlt nicht dieselbe Weltmännischkeit aus wie ein italienischer Bankier um 1500.)
Yohji Yamamoto brachte mein Problem mit der Unfarbe mal selbst auf den Punkt: „Schwarz ist bescheiden und arrogant zugleich. Schwarz ist faul und bequem – aber geheimnisvoll. Vor allem aber sagt Schwarz: Ich belästige dich nicht, also belästige mich nicht.“ Auch in Berlin geht das Arrogante und Geheimnisvolle mit dem Faulen und Bequemen Hand in Hand. Wer ist dagegen? Wer dafür? Der Unterschied verschwindet in einer schwarzen Anorak-Flut auf den Gehwegen. Das Schwarz der Gegenwart ist kein Statement mehr, es erhebt keinen Widerspruch. Übrig geblieben ist eine Unfarbe, die nichts mehr will, außer dazuzugehören.




Was für ne tolle Farbreise. Das Hochzeitsbild zum Schluß ist Gold!. Ich liebe trotzdem schwarz, aber ich nehme mir das „überwaschene“ Schwarz als Reminder mit. Und es gibt ja noch Rot … für den Lippenstift.
Super interessant, gerne mehr Farbgeschichte!!
Zur Bedeutung von schwarz: ich glaube, schwarz war lange so fest in meiner Garderobe integriert (und ist es immer noch), dass ich die Bedeutung vergessen habe. Deshalb bin ich wohl völlig unbedacht in hellblauem Cord und rotem Schal bei der Beerdigung meiner Oma im Winter aufgekreuzt. Ich denke aber, sie hätte es mir nicht übel genommen.