Polyester: ein Sehfehler aus Gewohnheit
Wir haben uns vom synthetischen Glanz der Billigfaser blenden lassen – und verlernt, Qualität zu erkennen.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Kleidungsstück aus Synthetik ins Auge fällt – auf Partys, im Büro oder in den Instagram-Storys. Und je höher der Polyester-Anteil, desto mehr Komplimente bekommt es. Bei 100 Prozent Plastik sind sich alle einig: „Tolles Teil! Die Farbe! Ist das neu?“
Und neu sieht es tatsächlich aus. So wurde Polyester konzipiert: knitterfrei, farbstabil, texturarm. Selbst wenn es 450 Jahre alt ist. So lange braucht eine Plastikflasche schlimmstenfalls, um sich zu zersetzen. Und die besteht aus demselben Material. Doch allem Erdöl zum Trotz haben sich unsere Augen an die unnatürliche Optik von Polyester gewöhnt – so sehr, dass wir sie mittlerweile für ein Qualitätsmerkmal halten.
Ich machte die Erfahrung 2012, als ich eine Freundin zur Eröffnung der ersten Primark-Filiale in Berlin begleitete. Nach einer Stunde zwischen ungefütterten Satin-Blazern und durchsichtigen Nähten von synthetisch glänzenden Midiröcken nahm meine Empörung zusehend ab. Am Ende fand ich einige der unterirdisch produzierten Teile fast schön. Der Gewöhnungseffekt hatte eingesetzt – und meinen optischen Anspruch ruiniert.
Es ist der „Wie neu“-Look, der diesen Stoff attraktiv macht. Als Polyester 1951 in den USA auf den Markt kam, warb man damit, dass ein Kleidungsstück daraus 68 Tage (!!) lang getragen werden könnte, ohne es bügeln zu müssen. Das ließ alle Hausfrauen aufatmen, die beim Waschen, Trocknen und Stärken der Hemden ihrer Ehemänner so langsam die Krise bekamen.
Gleichzeitig brachte es einen neuen Zeitvertreib auf den Tagesplan: Shopping. Denn Mode wurde dank der Plastikfaser plötzlich erschwinglich. Die Haute Couture starb, man kaufte nun Polyester-Kleidung von der Stange. Eigentlich ein Widerspruch: Jetzt, wo es eine Faser gab, die Kleidung jederzeit wie frisch aus der Fabrik aussehen ließ, wuchs das Bedürfnis nach ständig neuen Teilen. Wenn auch noch nicht so exzessiv wie heute, rollte damals bereits die erste Welle der Fast Fashion heran.
In den 60ern passte Polyester perfekt zur futuristischen Ästhetik des Space Age. In den 70ern erlebte die Synthetikfaser ihren modischen Höhepunkt: Frauen wie Männer schätzten die pflegeleichten Anzüge mit den spitzen Krägen. Und für die beliebten Doppelstrick-Teile wurde das Polyester-Garn in allen Nuancen aus der Schmelzspinnanlage gepresst, die Orange (die Farbe der Dekade!) zu bieten hatte.
Erst die nächste Generation bemerkte, wie furchtbar sich Polyester eigentlich anfühlte – auf der Haut wie in der Umwelt. Teenager, die von ihren Eltern von Geburt an in die neue Wunderfaser gehüllt wurden, fanden den Plastikstoff kratzig und eklig. Zu Recht, denn Polyester ist als nicht atmungsaktives Material der perfekte Nährboden für Bakterien. Es musste einem also nicht nur der Sinn für Ästhetik fehlen, sondern auch der für Geruch, um diese Faser in den Himmel zu loben.
Ende der 70er war Polyester bei Menschen mit gutem Geschmack unten durch. Im Studio54 galt für den Stoff (anders als für andere Chemikalien) sogar Einlass-Verbot. Denn die bunten Satinhemden gehörten nicht nur zum stillosen Mainstream, die Theaterscheinwerfer des legendären New Yorker Nachtclubs ließen das Plastik einfach schmelzen.
Wir hatten es also fast geschafft, Polyester als Sehfehler zu korrigieren. Da kamen die 80er – und eine Überdosis von Haarspray vernebelte erneut unsere Sinne. Neben schrankbreiten Schultern und Plastik-Schmuck brachten die Designer auch Polyester auf den Laufsteg. Das Material, das einst für den Untergang von textilem Luxus verantwortlich war, wurde nun zum elitären Trendstoff erkoren. Wenn Mode sich doch nur selbst reden hören könnte.
Die Träger und Trägerinnen beruhigten sich damit, dass das Polyester nun besser sei als noch in den 50ern. Und es stimmt, in Sachen Gestank und Steifheit weist die Plastikfaser seit den 80ern deutliche Verbesserungen auf. Doch wo Polyester vorher zumindest mit einer Zeitersparnis im Haushalt glänzen konnte, fehlt heutzutage (Waschvollautomat sei Dank) jede Rechtfertigung. Wer nicht gerade ein Teil aus der „Pleats Please“-Kollektion von Issey Miyake trägt, kann sich sicher sein: Es ist ein billiges Streckmittel.
Doch Polyester ist längst zur Sehgewohnheit geworden. Das Bild einer maximal kontrollierten Oberfläche hat sich auf unsere Netzhaut gebrannt. Und damit wurde Synthetik nicht nur Mode, sondern zum Maßstab. Wir haben kein Auge mehr für Qualität, sondern einen lüsternen Blick auf Glanz und Perfektion. Vergänglichkeit wird zum Makel – dabei ist gerade seine Unvergänglichkeit das, was Polyester so hässlich macht.




Dazu gibt es noch das große Umweltproblem durch Synthetikfasern allgemein. Mikroplastik und Weichmacher als Ewigkeitschemikalien. Diese sind fast überall schon nachweisbar.
Danke fuer’s drauf-aufmerksam-machen!